Eritrea ist kein guter Ort zum Leben. Es ist ein Land, das keine Gnade kennt, wie ein Knast. Wer sich nicht der Diktatur beugt, wird gequält. Mein Bruder saß im Knast, weil irgendwer mal dachte, er sei gegen die Regierung. Seitdem hatten wir oft Besuch. Männer, die uns einschüchterten, sogar meine Mutter schlugen. Sie weinte oft bitterlich, mein Vater schwieg. Er sprach nie über das, was passiert ist, aber er sagte, ich solle flüchten. Weg aus dem Elend. Weg aus der Angst vor dem Tod. Ich bin zwar in der Armee gewesen – das ist Pflicht. Aber man misstraute meiner Familie und mir trotzdem. Das war 2015.

Was dann geschah, kann ich nicht mehr alles rekonstruieren. Ich bin durch den Sudan gelaufen, ich habe Ägypten hinter mir gelassen. Es war heiß, ich war hungrig, ich habe keine Zukunft gesehen. In Libyen war es besonders gefährlich. Hier sind viele Menschen vom IS, und sie mögen keine Flüchtlinge, sie mögen wirklich keine Flüchtlinge. Ich war mit zwei anderen unterwegs, die ich in Ägypten getroffen hatte, als uns Kämpfer aufhielten und verprügelten. Wir wurden in ein kleines Lager gebracht, und dort angebunden. Wir bekamen gerade genug zu Essen und zu Trinken, dass wir überleben konnten. Wir wollten sterben, aber wir hatten auch schon einen weiten Weg hinter uns und noch Hoffnung.

Wir waren irgendwann sehr schwach und sehr hilflos, und das Lager wurde abgebaut. Man ließ uns zurück. Ich weiß nicht wie, aber wir haben es geschafft, unsere Fesseln abzulegen. Wir zogen weiter. Es begannen dunkle Zeiten. Wir brauchten Geld für Schleuser, um über das Meer zu kommen. Wir haben es bekommen, aber ich will nicht mehr daran denken, wie.

Bei der Überfahrt ging es uns wie vielen anderen auch: Wir waren in einem winzigen Boot und ich dachte in jeder einzelnen Sekunde, es würde untergehen und wir würden sterben. Ich habe viel gebetet, wobei ich eigentlich gar nicht gläubig bin. In solchen Situationen will man einfach, dass jemand zuhört. Es waren 80 Leute auf diesem Boot, und alle hatten nur den Wunsch, zu überleben. Das war irre.

Angekommen in Griechenland ging die Reise mit einem Transporter weiter und ich reiste quer durch Europa. Die schlimmste Zeit war in Ungarn, dort war ich im Knast. Nur kurz, aber es war schlimm, ich will nicht mehr darüber reden. Von Österreich kam ich letztlich mit dem Zug nach Deutschland. Dort kam ich 2016 an, nach elf Monaten. Es ging weiter nach Berlin. Ich habe gesehen, wozu Menschen in der Lage sind, und ich habe geglaubt, es gibt keine Menschen, es gibt nur Tiere. Ich lebe inzwischen in einer kleinen Unterkunft und habe Deutsche getroffen, die sich um mich kümmern und mich wie einen Menschen behandeln. Es wird dauern, aber ich glaube wieder daran, dass es gute Menschen gibt.

Mein Name ist Amanuel, ich bin 25, und das ist meine Geschichte.