“Sprecht über die Mafia! Redet über sie, im Radio, im Fernsehen, in den Zeitungen. Aber sprecht darüber”.

Das hat schon in der 80er Jahren der berühmte italienische Antimafia-Richter Paolo Borsellino gesagt, bevor er 1992 zusammen mit seinem fünfköpfigen Begleitschutz von einer LKW-Bombe getötet wurde.

Auch mehr als 30 Jahre später ist gemeinhin bekannt und schwer zu leugnen, dass Mafia-Clans und Organisierte Kriminalität fast überall auf der Welt mit verschiedenen Methoden und in unterschiedlichen Funktionen tätig sind und dass sie so eine schleichende Bedrohung der demokratischen Grundsätze der Gleichheit und Freiheit der Menschen darstellen.

Um nochmals auf Italien als Beispiel zurückzukommen: es wurde mehrmals von Experten und Politikern – unter anderem dem italienischen Innenminister – angemahnt, dass die Transparenz der Parlamentswahl 2018 wegen des Einflusses der Mafia-Organisationen gefährdet ist, etwa durch den Betrug mit gekauften Stimmzetteln.

Es sind aber nicht nur Probleme legaler Natur (die staatliche Behörden bekämpfen müssen), sondern auch – vielleicht sogar vor allem – gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme, bei denen zivilgesellschaftliches Engagement unentbehrlich ist.

Die gesellschaftlichen Aspekte der Mafien zu berücksichtigen, heißt die Alltagspraktiken von Beeinflussung, Einschüchterung und den zugrunde liegenden Abhängigkeitsverhältnissen (an-)zuerkennen und strukturell zu bekämpfen.

Diese Aufgabe kann nur bewältigt werden, wenn alle gesellschaftlichen Akteur*innen involviert werden, ein starkes gesellschaftliches Netzwerk bilden, das den Betroffenen sozialen Schutz vor dem Gegner, den kriminellen Vereinigungen, gibt. Wie wichtig dies ist, zeigen die tragischen Journalistenmorde, etwa an Daphne Caruana Galizia und Jan Kuciak.

Die Probleme mit der Organisierten Kriminalität führen dazu, dass kriminelle Gruppen eine Bedrohung für jene in unserer Gesellschaft darstellen, die am exponiertesten sind, die wenig sozialen Schutz genießen, die mit gesellschaftlichem Ausschluss und Isolation konfrontiert sind und die in die Kriminalität gedrängt werden.

Diese Probleme treten leider weltweit auf – auch in Berlin. Vorort in Berlin gibt es sehr wenige Möglichkeiten, sich mit diesen Themen in einem zivilgesellschaftlichen Rahmen auseinanderzusetzen; vielleicht weil Organisierte Kriminalität ein sehr komplexes Phänomen ist, vielleicht aber auch, weil das Thema unbequem ist und weil es gern in den alleinigen Verantwortungsbereich der Sicherheitsbehörden verschoben wird.

Unser Verein „Mafia? Nein, Danke! e.V.“, der als zivilgesellschaftlicher Zusammenschluss gegen Schutzgelderpressung entstand, bringt sich seit zehn Jahren ein, um mehr Aufmerksamkeit für Mafia-Themen in Deutschland zu schaffen.

Projektinformation

Getreu dem Credo von Paolo Borsellino tauschen wir Informationen über sämtliche relevanten Kanäle aus. Im Lauf der Jahre haben wir schon viel erreicht. Jetzt würden wir gern ein neues Projekt in Berlin ins Leben rufen: 10Monate.10Meetings.10MafiaMovies

Im Rahmen dieses Projekts bieten wir zehn kostenlose Workshops an, die das Thema Mafia und Organisierte Kriminalität behandeln. Die Treffen werden an einem einladenden, nicht formalen Ort stattfinden, um den Austausch und die aktive Teilnahme der Teilnehmer*innen zu erleichtern. Dabei dachten wir an Räumlichkeiten, wie jene der Regenbogenfabrik in Kreuzberg oder Il Kino.

Ausgehend von Filmen und einer kritischen Betrachtung der mehr oder weniger stereotypisierten Darstellungen krimineller Phänomene wollen wir mit den Teilnehmer*innen darüber sprechen, was die Mafia-Organisationen wirklich bewirken und welche Risiken für die Demokratie und Freiheit mit ihren Aktivitäten verbunden sind.

Die Workshops sollen einen Raum eröffnen, der den Teilnehmer*innen ermöglicht, ihre Erfahrungen, Meinungen und Vorstellungen auszutauschen sowie gegenwärtige und historische Probleme der organisierten Kriminalität zu betrachten.

Filme als Ausgangspunkt zu nehmen, hat den Vorteil, von einer gemeinsamen Basis zu starten. Ausgehend davon könnte sich eine Diskussion und eine weitere Erarbeitung der Thematik entfalten. Dieser filmische Einstieg ist uns besonders wichtig, weil wir ein sehr heterogenes Publikum ansprechen wollen und es als theoretische Einführung v.a. für die jüngeren Teilnehmer*innen einen einfacheren Zugang bietet.

Die Bewerbung der Workshops wird digital und klassisch in Print mit Flyern und Plakaten zum einen über das Netzwerk des Vereins (Newsletterverteiler mit über zweitausend Empfänger*innen) sowie an Schulen stattfinden.

Hier ein vorläufiger Plan der zehn Workshops, bei dem zum Ende hin absichtlich Spielraum gelassen wird, sodass sich die Teilnehmer*innen mit Vorschlägen einbringen können. Dies ist uns besonders wichtig, um eine internationalere Perspektive zu erhalten, da unserer Verein durch seine Entstehungsgeschichte einen Fokus auf italienische Mafia-Organisationen in Deutschland gelegt hat.

  1. Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra (Garrone, 2008)
    Einer der berühmtesten Filme der letzten Jahre, der von der Mafia-Organisation der Camorra handelt.
    - Workshops über Stereotypen im öffentlichen Raum I - Theorie/Input

 

  1. 100 Schritte (Giordana, 2000)
    Ein Klassiker, der seit Jahren die italienische Anti-Mafia-Bewegung inspiriert hat. Die wahre Geschichte von Peppino Impastato. Er spricht aufgrund des jungen Alters des Protagonisten vor allem Jugendliche an.
    - Workshop über Mafia und Organisierte Kriminalität in Deutschland und ihre Aktivitäten

 

  1. Anime nere (Munzi, 2014)
    Der Film stellt eine der düstersten Dynamiken der italienischen Mafia dar, die derzeit auf globaler Ebene mächtig ist: die ‚Ndrangheta
    - Workshop über Geldwäsche und illegale Finanzströme

 

  1. Der Pate I (Coppola, 1972)
    Der Film, der die Geschichte der Mafia-Darstellungen schrieb
    - Workshops über Stereotypen im öffentlichen Raum II - Sammeln und Reflektieren

 

  1. Lea (Giordana, 2015)
    Die wahre Geschichte von Lea Garofalo, einer mutigen Frau, die 2009 in Mailand ermordet wurde, weil sie gegen die Mafia-Kultur rebellierte.
    - Workshop zur Rolle von Frauen in kriminellen Welten. Opfer, Zeugen und Täter vieler Gewalttaten.

 

  1. Film mit den Teilnehmer*innen zusammen zu definieren
    - Workshop mit den Teilnehmer*innen zusammen zu definieren

 

  1. La nostra terra (Manfredonia, 2014)
    Ein Film, der die Geschichte von Anti-Mafia-Kooperativen erzählt, die auf von der Mafia konfiszierten Gütern arbeiten.
    - Nachhaltiger, anti-Mafia-Tourismus in Italien und die Antimafia-Kooperativen

 

  1. Fortapasc (Risi, 2009)
    Die Geschichte des Journalisten Giancarlo Siani, der mit nur 26 Jahren von der Mafia ermordet worden ist
    - Workshop über Journalismus und Recherchen zum Thema Mafia

 

  1. Film mit den Teilnehmer*innen zusammen zu definieren
    - Workshop mit den Teilnehmer*innen zusammen zu definieren

 

  1. La mafia uccide solo d’estate (Diliberto, 2013)
    Ein Film, der die vielen Etappen der Geschichte der italienischen Mafia aus einer ganz besonderen Perspektive erzählt und auch sehr komisch ist.
    - Anti-Mafia-Abschlussquizz, informell, Raum für Diskussion