https://www.ardmediathek.de/video/der-tag-in-berlin-und-brandenburg/unbezahlbar-kieztreff-und-beratung-in-marzahn/rbb/Y3JpZDovL3JiYl8zYmVhMWNlMS00ZmEzLTQzODctYjQxZC01MzZjNmQ0YmU5ZGZfcHVibGljYXRpb24
Die UnbezahlBar in Marzahn ist Umsonstladen, Sozialberatung und Begegnungsraum in einem. Das Projekt bündelt materielle Hilfe und professionelle Unterstützung an einem einzigen, niedrigschwelligen Standort in der Marzahner Promenade 9. Getragen von der pad gGmbH, dem DRK-Kreisverband Berlin-Nordost und der Volkssolidarität Berlin, ist hier ein Ankerpunkt entstanden, der je Öffnungstag mehr als 300 Menschen erreicht.
Was die UnbezahlBar von klassischen Hilfsangeboten unterscheidet, ist ihr inklusiver Charakter: Wer Kleidung, Hausrat oder Lebensmittel aus dem Fairteiler benötigt, muss keinen Bedürftigkeitsnachweis vorlegen. Dieser Vertrauensvorschuss schützt die Würde der Besuchenden und macht den Ort zu einem Treffpunkt auf Augenhöhe – unabhängig von Einkommen, Herkunft oder Aufenthaltsstatus. Hier begegnen sich Menschen, die sonst in der Stadt oft nebeneinander herleben. Die Motivationen sind dabei so vielfältig wie die Nachbarschaft selbst: Eine Person gibt die Kleidung des verstorbenen Vaters ab, weil sie sich freut, dass seine Sachen direkt an Menschen aus der Nachbarschaft gehen; eine andere bietet hierfür einen Fahrdienst an.
In der UnbezahlBar wird soziale Teilhabe durch praktisches Handeln ersetzt. Während Menschen Dinge teilen oder empfangen, finden sie gleichzeitig Zugang zu einer mehrsprachigen Sozialberatung, die monatlich über 200 Mal in Anspruch genommen wird. Besonders geprägt wird das Projekt durch rund 20 freiwillig Engagierten, von denen die meisten Fluchterfahrungen haben. Sie sind die Gesichter der UnbezahlBar und gestalten den Ort aktiv mit. So wird aus einem Umsonstladen ein echtes Empowerment-Projekt, das zeigt, wie Respekt und Solidarität im Berliner Alltag ganz konkret funktionieren.
Projekt Informationen
pad – präventive, altersübergreifende Dienste im sozialen Bereich – gGmbH
Projekt BENN Marzahn-Süd und BENN Blumberger Damm (in Kooperation mit DRK-Kreisverband Berlin-Nordost e.V. und der Volkssolidarität)
Fichtelbergstr. 7
12685 Berlin
Johanna Eichstädt (pad gGmbH)
Projektbeschreibung: Ein inklusives Modell für gemeinschaftliches Handeln
Das Prinzip: Begegnung auf Augenhöhe Die UnbezahlBar bricht mit der klassischen Logik sozialer Einrichtungen. Wir trennen nicht zwischen „Gebern“ und „Nehmern“. In der Marzahner Promenade haben wir einen Raum geschaffen, in dem das Teilen von Ressourcen – ob Kleidung, Lebensmittel oder Wissen – die Basis für ein neues Miteinander bildet. Der Umsonstladen und der Fairteiler sind keine bloßen Ausgabestellen, sondern Orte des bewussten Konsums und der Umverteilung. Hier treffen Menschen aufeinander, die Nachhaltigkeit als ökologische Überzeugung leben, und solche, für die sie eine ökonomische Entlastung darstellt. In der UnbezahlBar begegnen sie sich als gleichberechtigte Nachbar_innen.
Verzahnung von Alltag und Unterstützung Die Architektur des Projekts ist darauf ausgerichtet, Unterstützung in das normale Leben zu integrieren, anstatt sie hinter Behördentüren zu isolieren. Unsere mehrsprachige Sozialberatung ist organischer Teil des Ladenalltags. Dieser Aufbau nimmt dem Beratungsgespräch den institutionellen Druck. Gleichzeitig werden hier Anliegen bearbeitet, für die Regelinstitutionen nicht ausreichend Kapazitäten haben. Wer kommt, um Dinge im Kreislauf zu halten, findet bei uns ganz selbstverständlich auch Antworten auf komplexe Fragen zu Miete, sozialen Bescheiden oder beruflicher Perspektive. Mit über 200 Beratungen im Monat zeigen wir, dass Hilfe dann am effektivsten ist, wenn sie Teil einer lebendigen Nachbarschaftskultur ist. Partner wie das Bürgeramt und die Verbraucherzentrale nutzen die UnbezahlBar als Brücke, um dort präsent zu sein, wo das gesellschaftliche Leben in der Nachbarschaft stattfindet.
Engagement als Fundament des Zusammenhalts Das Herzstück der UnbezahlBar ist die aktive Mitgestaltung. Rund 20 freiwillig Engagierte – ein Großteil davon mit eigener Fluchterfahrung – tragen die Verantwortung für den täglichen Betrieb. Hier verschieben sich die Rollenbilder: Menschen, die oft nur als „Zielgruppe“ von Maßnahmen wahrgenommen werden, sind hier die Expert_innen und Ansprechpartner_innen für das gesamte Quartier. Sie moderieren den Austausch, pflegen die Bestände und beraten ihre Nachbar_innen. Diese Sichtbarkeit von Kompetenz und Engagement im öffentlichen Raum baut Vorurteile im Vorbeigehen ab und stärkt das demokratische Klima in Marzahn.
Nachhaltigkeit als soziale Praxis Für uns ist Ressourcenschonung kein Luxusthema, sondern ein Mittel zur gesellschaftlichen Teilhabe. Indem wir Dinge retten und kostenlos weitergeben, schaffen wir einen Raum, der ohne Konsumzwang funktioniert. Die UnbezahlBar bietet die seltene Möglichkeit, Zeit miteinander zu verbringen. Der enorme Zuspruch von täglich bis zu 300 Gästen belegt, wie groß das Bedürfnis nach solchen „Dritten Orten“ ist, an denen Respekt und Solidarität die Währung sind.
Zukunftsperspektive Die UnbezahlBar ist längst mehr als ein Pilotprojekt; sie ist eine gewachsene Institution, die zeigt, wie das Berlin der Zukunft aussehen kann: ökologisch verantwortlich, offen für alle und getragen von einer starken Zivilgesellschaft. Um die Qualität dieses Angebots und die intensive Beratungstätigkeit langfristig zu sichern, benötigen wir über kurzfristige Förderprogramme hinaus eine stabile Perspektive und größere Räumlichkeiten. Die UnbezahlBar beweist täglich, dass das Teilen von Ressourcen die Gemeinschaft nicht schwächt, sondern das Fundament für ein respektvolles und stabiles Stadtteilleben bildet.