Weil geflüchtete Men­schen oft nur im Kon­text ihrer Flucht wahrgenom­men wer­den, möcht­en wir ganze Biogra­phien erzählen – nicht nur Momen­tauf­nah­men.

Projektinformation

Flüchtling“ – zwei Sil­ben, die Biogra­phien nullen und Lebens­geschicht­en auf eine Episode verkürzen, die Flucht. N. spielte Fußball im Park, A. lieber Klavier. K. zeich­nete Möbel, H. archäologische Karten. Sie alle ließen ein Leben zurück. Was sind die Geschicht­en der Men­schen, die vor kurz­er Zeit noch ein Leben, eine Arbeit, ein Zuhause, aber oft nicht die leis­es­te Ahnung davon hat­ten, dass sie bald schon auf der Flucht wären?

Ursprünglich woll­ten wir Lebens­geschicht­en erzählen, die vor ein­er Flucht ange­siedelt sind. Ange­fan­gen bei der Kind­heit über die Schule bis hin zur Aus­bil­dung, den Berufen, dem Fam­i­lien­leben, den Hob­bys, den Lei­den­schaften, Tal­en­ten dieser Men­schen. Wir möcht­en das Bekan­nte, Ver­traute im ver­meintlich Frem­den auf­spüren.

Für nicht wenige unser­er Gesprächspart­ner ist allerd­ings Krieg Nor­mal­ität, Angst vorherrschen­des The­ma ihrer Biogra­phien. Auch darüber wollen die Men­schen sprechen, haben wir gemerkt. Wir wer­den die Men­schen nicht unter­brechen, wenn sie mit uns reden, wir kor­rigieren sie nicht. Wir erzählen die Geschicht­en, die wir erzählt bekom­men. Lebensläufe sind Ver­suche von Men­schen, der Abfolge von Ereignis­sen im eige­nen Leben Plau­si­bil­ität zu ver­lei­hen – in Deutsch­land gle­icher­maßen wie in Afghanistan, Syrien oder im Irak. Wir sind nicht jour­nal­is­tisch objek­tiv, wir bew­erten nicht, wir erzählen weit­er.

Am Nullpunkt. Biogra­phien geflüchteter Men­schen.

Texte von Con­rad Men­zel, Illus­tra­tio­nen von Erna Linst Illus­tra­tion