Gewinner Ausze­ich­nung
2010

Ange­fan­gen haben wir 2009 als eine palästi­nen­sisch-israelis­che The­ater­gruppe aus dem Schöneberg­er Nor­den. In diesem Gebi­et wohnen viele Men­schen palästi­nen­sis­ch­er Herkun­ft.

Zur Projektgruppe

net­zw­erk stad­traumkul­tur e.V.
Luck­auer Str. 5
10969 Berlin
Tele­fon:
0176–51777266
Fokus (Alters­gruppe) auf:
Jugendliche

Projektinformation

Erste vor­sichtige bei­d­seit­ige Gespräche began­nen in der Zeit nach dem let­zten Gaza-Krieg. Die laufend­en Kriegs­bilder der ara­bis­chen Sender hat­ten bei Kindern und Jugendlichen ihre Spuren hin­ter­lassen und anti­semi­tis­che Schimpfwörter wur­den auf der Straße häu­figer und lauter. Wie immer gab es bei der Beurteilung des Nahostkon­flik­ts eine ein­seit­ige Schuldzuweisung und ein Schwarz-Weiß-Denken. Statt fundiert­er Kri­tik propagierten poli­tis­che und religiöse Strö­mungen über ihre Medi­en per­ma­nent anti­semi­tis­che oder islamkri­tis­che Sichtweisen.

Die Begeg­nun­gen von Jugendlichen bei­der Seit­en wurde von net­zw­erk stad­traumkul­tur e.V. ermöglicht und so ent­stand im Mai 2009 die The­ater­gruppe „Die Falafels“.
„Es ist sehr schmerzhaft, aber nicht tödlich“ meinte ein­er unser­er palästi­nen­sis­chen Darsteller im Inter­view mit dem Deutsch­land­funk „wir müssen die Kom­mu­nika­tion und das friedliche Zusam­men­leben wagen, denn alles andere ist tödlich“. Gewagt wer­den sollte der erster Schritt auf diesem schwieri­gen Ter­rain mit ein­er gemein­samen The­ater­pro­duk­tion. Wir began­nen einen Prozess des Ler­nens, dass gemein­sam und koop­er­a­tiv han­deln, sich aufeinan­der ein­lassen und ver­lassen, im Ergeb­nis etwas Befriedi­gen­des und Wertvolles her­vor­bringt. Wichtig war für uns, mit The­ater eine Form gefun­den zu haben, dieses kün­st­lerisch auszu­drück­en, nach außen zu trans­portieren, und andere zum Nach­denken zu brin­gen.

Ein­er von uns, Schüler des Jüdis­chen Gym­na­si­ums, hat­te ein Stück geschrieben. Es war für uns alle das erste Mal, dass wir The­ater spiel­ten.
Mit George Ish­er­wood aus Amsterdam/Berlin kon­nten wir einen erfahre­nen Regis­seur gewin­nen, der den kün­st­lerischen Erfolg ermöglichte. Das Stück wurde gemein­sam mit ihm in eine dra­matur­gis­che Straßenthe­ater-Form gebracht und vier Wochen lang geprobt.

Unsere erste Pro­duk­tion wurde in 2009 im Interkul­turellen „Garten der Kün­ste“ und auf Straßen­festen mit viel Erfolg und Ausstrahlung in den Stadt­teil aufge­führt. Wir tra­gen das The­ater zu denen, die nicht ins The­ater gehen. Dass unsere palästi­nen­sisch-israelis­che The­ater­gruppe ihre Pre­miere und ihren darin enthal­te­nen Appell an ein friedlich­es, koop­er­a­tives und gewalt­freies Miteinan­der auf dem Gelände des ehe­ma­li­gen Sport­palastes in den Stad­traum trug, hat eine gewisse Sym­bol­kraft.

2010:
Nach den Auf­führun­gen in 2009 hat­ten sich weit­ere palästi­nen­sis­che Jugendliche für eine Mitar­beit gemeldet.
Wir beschlossen, uns regelmäßig 1x pro Woche zu tre­f­fen und arbeit­eten mit­tels spielerisch­er Impro­vi­sa­tion, Recherche und Gespräch.
Ein­er von uns Palästi­nensern schrieb die Idee eines neuen Stücks. Es han­delt von Begeg­nun­gen zwis­chen Palästi­nensern und Israeli und wir set­zten uns anhand dieses Stück­es inten­siv mit der Frage auseinan­der , was es heißt, Palästi­nenser oder Israeli zu sein, was es bedeutet, in ein­er von bei­den Fam­i­lien aufzuwach­sen und was der Kon­flikt mit den Men­schen macht und die Men­schen mit dem Kon­flikt.
Wir set­zten bei unseren Erfahrun­gen als Jugendliche an. Wir set­zten uns sowohl mit der Sit­u­a­tion im Nahen Osten als auch unserem Zusam­men­leben in Berlin auseinan­der, mit dem Erbe unser­er Geschichte aber auch mit unseren Sehn­sücht­en und Hoff­nun­gen für eine andere Zukun­ft. Wir sucht­en mit fach­lich­er Unter­stützung nach Worten und For­men, um das, was uns dies­bezüglich bewegt, auszu­drück­en. In dem The­ater­stück spie­len nicht nur Palästi­nenser die Rolle von Palästi­nensern son­dern es gibt einen Rol­len­tausch, der einen inten­siv­en Zugang zu dem Leben der jew­eils anderen ermöglichte. Die Erfahrung der Koop­er­a­tion, gegen­seit­iges Zuhören und Rol­len­spiele waren dabei eben­so wichtig für unsere Arbeit wie sich Wis­sen über das The­ma zu erar­beit­en und zu disku­tieren.
Während der Arbeit verän­derte sich unser Fokus, weg von der palästi­nen­sis­chen und der jüdis­chen Fam­i­lie in Libanon und Israel, hin zu einem Stück über palästi­nen­sis­che und jüdis­che Jugendliche in Berlin und ihr Ver­hält­nis zueinan­der. Wir erar­beit­eten gemein­sam unser neues Stück „Halb­mond loves David­stern“. Es zeigt die famil­iären, religiösen und kul­turellen Fall­stricke, die mit ein­er solchen Liebe ein­herge­hen und zu über­winden sind.
Wir beschäftigten uns bei der Erar­beitung dieses Stücks zwar weit­er­hin mit The­men wie Nahost Kon­flikt, Anti­semitismus, Islam­feindlichkeit, der Beziehung zwis­chen Israeli und Palästi­nensern, aber vor allem auch mit The­men wie Tra­di­tion, Beziehung, Leben­sum­feld, Reli­gion und Liebe.
Wir lern­ten ehrlich­er mit unseren Gefühlen und Sehn­sücht­en umzuge­hen und dabei Gemein­samkeit­en jen­seits von Reli­gion und Nation­al­ität zu ent­deck­en und zuzu­lassen.

Der Pre­miere am 02.07.2010 fol­gten mehrere Auf­führun­gen im Interkul­turellen „Garten der Kün­ste“ in Berlin-Schöneberg.
Eine weit­ere Dar­bi­etung gab es in der Robert-Blum-Ober­schule mit mehreren 100 Schü­lerIn­nen als Gäste, die konzen­tri­ert und aufmerk­sam zuschaut­en, was von den anwe­senden Lehrerin­nen und Lehrern als etwas beson­deres ver­merkt wurde. In der anschließen­den Diskus­sion hoben vor allem mus­lim­is­che Schü­lerin­nen den Mut, mit solch einem Stück an die Öffentlichkeit zu gehen, her­vor und drück­ten ihre Freude darüber aus.
Wir wer­den weit­er­hin auf Stadt­teil­festen, in Schulen und Jugen­dein­rich­tun­gen auftreten. Wir wollen, indem wir es aktiv vor­leben und vor­führen, für die Idee eines tol­er­an­ten, koop­er­a­tiv­en Miteinan­ders der Völk­er wer­ben.
Das Stück bewegt nicht nur die Besuch­er aus Berlin. Es gibt eine Spiel-Anfrage aus Lon­don und Kon­takt zu ein­er Besucher­gruppe aus Israel. Auch hat eine Jugendthe­ater­gruppe aus Hebron (YES -The­ater) Inter­esse an einem Aus­tausch angemeldet.

Pla­nung für 2011:
In 2010/2011 haben wir die Erar­beitung, Pro­duk­tion und Auf­führung eines neuen Stücks geplant, welch­es das Dreiecksver­hält­nis Palästi­nenser-Israeli-Deutsche bear­beit­en wird. Die Spuren­suche wird begin­nen in der Ausstel­lung „Wir waren Nach­barn“. Hier gibt es die Adressen von Häusern im Gebi­et um das Pal­las­se­um in Schöneberg, in denen ehmals jüdis­che Fam­i­lien lebten und heute Palästi­nenser wohnen. Es rückt den struk­turellen Kreis­lauf von Aus­gren­zung und Vertrei­bung ins Blick­feld und wir wollen Antworten suchen, was notwendig ist und was wir dazu beitra­gen kön­nen, dass koop­er­a­tives Ver­hal­ten an die Stelle von Aus­gren­zung tritt. Das Stück soll wiederum ehre­namtlich mit­tels spielerisch­er Impro­vi­sa­tion, Recherche und Diskus­sion entste­hen. Zur Sicherung des Erfol­gs soll am Ende auch hier­für eine dra­matur­gis­che Textbear­beitung und pro­fes­sionelle Regie erfol­gen.
Auch in 2011 wird die Pre­miere im Interkul­turellen „Garten der Kün­ste“ sein, gefol­gt von Auf­führun­gen in anderen Ein­rich­tun­gen, ins­beson­dere Schulen. Es ist inzwis­chen eine palästi­nen­sisch-israelisch-deutsche Jugendthe­ater­gruppe gewor­den.

DIE FALAFELS“ sind ein Teil­pro­jekt des INTERKULTURELLENGARTENS DER KÜNSTE“ in Berlin-Schöneberg, welch­er durch das Pro­gramm Soziale Stadt gefördert wird.

Das Video liegt hier: Halb­mond loves David­stern from Her­bert Scher­er on Vimeo.