Im Frühjahr 2012 startete das Online-Magazin AVIVA-Berlin sein von der Stiftung „Erinnerung – Verantwortung – Zukunft“ und der Stiftung ZURÜCKGEBEN gefördertes Projekt zur Entdeckung verborgener Frauenbiographien in Berlin.

Zur Projektgruppe

AVIVA-Berlin
Gneisenaustraße 46
10961 Berlin
Telefon:
030 - 691 85 03
Lokale Zuordnung:
regionalstädtisch

Projektinformation

AVIVA-Berlin hat als Magazin bereits seit beinahe zwölf Jahren erfolgreich deutlich gemacht, dass Jüdisches Leben heute aus all seinen Wurzeln schöpft und dabei wertvolle Impulse gibt – besonders auch für Nicht-Jüdische MitbürgerInnen, die das Judentum auch heute noch oft mit dem Holocaust gleichsetzen. Dass vor allem auch jüdische Frauen einen entscheidenden Beitrag zum Jüdischen Leben heute beitragen, machen die Redakteurinnen in Beiträgen und Interviews mit jüdischen und israelischen Schriftstellerinnen, Regisseurinnen, Fotografinnen, Sängerinnen, Musikerinnen, Schauspielerinnen, Malerinnen, Tänzerinnen, Wissenschaftlerinnen, Komponistinnen und Rabbinerinnen sichtbar gemacht. Um nun auch jüdische und israelische Frauen (unterschiedlicher Altersgruppen und unabhängig von journalistischem Vorwissen sowie Kenntnisse der deutschen Sprache) aktiv in diese Arbeit einzubeziehen, unser Wissen weiterzugeben und in Hinsicht auf Fragen zur jüdischen Identität, Religion und Geschichte unterstützend zu wirken, startete AVIVA-Berlin das Projekt „Jüdische Frauengeschichte(n) in Berlin – Writing Girls“.

Das laufende Projekt gibt im Jahr 2012 jüdischen Frauen aus der ehemaligen Sowjetunion, Israel, Frankreich, Chile und den USA die Möglichkeit, mit Anleitung und Hilfe der AVIVA-Redaktion, ihre ganz eigene Reportage zu erstellen. Diese hat Geschichte, Arbeit und Nachhaltigkeit der jüdische(n) Frauengeschichte(n) in Berlin (Thema nach Absprache) zum Inhalt. Dabei entsteht eine Serie von Arbeiten in Text und Bild (frei wählbar: Foto, Malerei, Video etc.), welche die vielfach vergessenen Lebens- und Schaffensgeschichten jüdischer Frauen in Berlin heute und gestern in den Mittelpunkt stellt. Alle Projekte werden zunächst in der Muttersprache der jeweiligen Autorin erstellt und dann zusammen mit einer deutschen Übersetzung veröffentlicht und ausgestellt, um die Vielfalt der Sprachen und Hintergründe der Teilnehmerinnen zu würdigen.

Die Ausschreibung war kaum veröffentlicht, da stand das Telefon in der Redaktion schon nicht mehr still. Die Interessentinnen kommen von überall her: aus Chile, den USA, aus Israel und aus Russland. Erst, als wir die Frauen, die sich gemeldet hatten, persönlich kennen lernten, wurde uns bewusst, welch breites Spektrum an Kompetenzen und Erfahrungen das Projekt bereichern wird. Die Teilnehmerinnen spüren Frauenbiographien auf und nach, ziehen Literatur hinzu, sprechen mit ZeitzeugInnen und suchen die Orte des Lebens und Wirkens der jeweils portraitierten Frau auf. Besucht und gesucht werden dabei auch die letzen Wohnorte der Frauen vor ihrer Emigration oder Deportation, auch Gespräche der Teilnehmerinnen mit Rabbinerinnen, Kantorinnen, Verlegerinnen, Schriftstellerinnen werden geführt.

Alle Teilnehmerinnen erhalten die intensive Förderung durch/bei u.a.:
Know-how, Kontakte, Mailings, Hilfestellungen bei Text- und Übersetzungen, Transkriptionen, Ämtergänge etc.

Gemeinsam ist allen Teilnehmerinnen des Projekts, dass sie persönlich in die Biographien der von ihnen portraitierten Frauen involviert sind, dass deren Geschichte sie nicht kalt lässt und häufig auch belastet. Die Recherche ist häufig sehr mühsam, teilweise exstieren keinerlei Dokumente, die ZeitzeugInnen leben nicht mehr oder die Teilnehmerin muss anhand von einer Vielzahl oder von kaum vorhandenem Archivmaterial und Publikationen die wahre Geschichte erkennen und aufbereiten.

Hier ein kurzer Überblick zu den Teilnehmerinnen, die aktuell recherchieren oder schon veröffentlicht haben (bis jetzt sind drei veröffentlicht und zwölf weitere in Arbeit):

Michal F., die 29jährige Künstlerin aus Israel, die ihre Geschichte über die Mutter eines Freundes mit Bildern illustriert, die eine Mischung aus Assoziation, Metaphern und Bruchstücken des Erzählten sind. Ihr Beitrag wird als Work-in-Progress auf AVIVA-Berlin veröffentlicht, was den Fluss und die mühselige Recherchearbeit transparent macht. Michal F. schreibt die Geschichte nicht einfach nur nieder, sie ist auch persönlich involviert.

Donna S., Politikwissenschaftlerin aus den USA, die die tot geschwiegene Geschichte ihrer Tante Meta Adler recherchiert hat. Unser erstes Gespräch lief über Skype, ans andere Ende der Welt, wenige Wochen später saß sie auf dem Sofa in der Kreuzberger AVIVA-Redaktion. Donna S. konnte sich nun, auch durch die Veröffentlichung auf AVIVA-Berlin, mit diesem traurigen Kapitel aussöhnen und hat im Juli 2012 nach langer Vorarbeit die Verlegung eines Stolpersteins für ihre Tante erwirkt.

Rachel S., „die nicht Aufzuhaltende“, ist mit 61 Jahren unsere älteste Teilnehmerin. Sie emigrierte aus Russland zunächst nach Israel und lebt seit beinahe 30 Jahren in Berlin. Sie ist Altenpflegerin im Ruhestand und setzt Stück für Stück das Portrait von Charlotte Herman zusammen, einer Frau, die nicht einmal einen Namen auf einem Grabstein hat – im August 2012 reiste Rachel S. für ihre Recherche sogar nach Dresden und nach Prag, denn die Geschichte dieser Frau, die sie vor über 25 Jahren gepflegt hat, hat sie nie mehr losgelassen. Charlotte Herman hat zwar Auschwitz überlebt, ist die Alpträume, psychische und physische Verletzungen, aber nie mehr losgeworden. Rachel S. konnte durch die Hilfe und die Vermittlung von Kontakten durch AVIVA-Berlin wertvolle Informationen und Kontakte zu Archivmaterial erlangen.

Michèle P., unsere jüngste Teilnehmerin, ist das Berliner Kind russischer Eltern. Sie hat gerade - mit erst sechzehn Jahren - ihr Abitur gemacht. Wenn sie nicht gerade alles verschlingt, was sie über ihr Zielobjekt Rahel Lewin (bzw. Rahel Varnhagen van Ense) finden kann, muss sie „mal eben“ an der Landesmeisterschaft im Golfen teilnehmen.

Die Journalistinnen und Drehbuchautorinnen Shlomit L. und Maayan M., beide aus Israel, recherchieren über die widersprüchliche Geschichte der „Greiferin“ Stella Goldschlag.

Aurélia V., Künstlerin und Fotografin aus Paris mit jüdischen und armenischen Wurzeln, Master in Geschichte der Universität Sorbonne, forscht und schreibt über das Leben von Charlotte Salomon, die am 16. April 1917 in Berlin-Charlottenburg geboren wurde, 1938 nach Frankreich emigrierte, und am 10. Oktober 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Charlotte Salomon, Verfasserin von „„LEBEN? ODER THEATER?“, ist eine der bedeutendsten Malerinnen des 20. Jahrhunderts und ist leider einer breiten Öffentlichkeit noch zu wenig bekannt.

Für ihre Recherche muss Aurélia V. sich in Berlin aufhalten und plant auch, in das Lager Gurs in Südfrankreich zu reisen, um dort nochmals nach Spuren zu suchen.

Daniela R., Filmemacherin, kommt aus Chile, arbeitet derzeit an einem Beitrag über die dienstälteste Fotografin der Jüdischen Gemeinde, Helga Simon.

Layla Z., in Berlin lebende Fotografin aus Paris, recherchiert aktuell über das Leben der lettisch-jüdisch-chinesischen Tänzerin Tatjana Barbakoff, die in Auschwitz ermordet wurde.

Maya N. stammt aus der ehemaligen Sowjetunion, hat heute die amerikanische Staatsangehörigkeit und lebt seit 3 1/2 Jahren in Berlin. Sie forscht zu Dora Sophie Kellner geb. Pollack, die Ehefrau von Walter Benjamin, über den einiges bekannt ist, nicht jedoch über Dora. Sie war: Dr. phil., Schriftstellerin und Hoteldirektorin. Ihre Emigration führte sie 1936 nach Italien, San Remo, 1938 nach England, wo sie im Jahr 1972 in London starb.

Sharon K., in Berlin lebende Amerikanerin, Medienwissenschaftlerin, recherchiert zu Niche Scherl, die zuletzt in der Goltzstraße 35 lebte und der es noch gelang, ihre Kinder in das Exil schicken zu können … Titel des Beitrags: „In praise of the Ordinary Jew“.

Wir möchten unser Projekt im Jahr 2013 gern ausweiten und dann ein Teilprojekt auf Jüdische Frauenbiographien in Berlin-Kreuzberg fokussieren.
Unsere Idee hierfür ist es, nun auch muslimische Mädchen und Frauen als Teilnehmerinnen zu gewinnen. Vor dem Hintergrund der aktuellen, antisemitisch geprägten Entwicklungen in Berlin (darunter Angriff auf Rabbiner Alter und seine Tochter sowie auf Mädchen einer jüdischen Schule), wollen wir Antisemitismus und Rassismus entgegenwirken, indem wir muslimische Frauen mit jüdischen Frauen und deren Biographien zusammenbringen.

Senatorin Dilek Kolat hat dem Projekt bereits ihre Unterstützung zugesagt, sie wird Schirmfrau sein.
Im persönlichen Gespräch mit uns gefiel ihr das Vorhaben auf Anhieb (wie vielen anderen auch - diverse Medien sind bereits auf unser Projekt aufmerksam geworden und ein Fernsehsender wird 2013 einen Beitrag über uns und 2 Teilnehmerinnen bringen), da sie auch die Qualität der AVIVA-Berlin kennt, und am 8. März 2012 den Berliner Frauenpreis an Sharon Adler, Herausgeberin der AVIVA-Berlin verliehen hat.

Copyright der Fotos: Sharon Adler