Direk­tor der Stiftung Topogra­phie des Ter­rors

Mit dem Erin­nerung­sort  „Topogra­phie des Ter­rors“ betreut Prof. Dr. Andreas Nachama einen der wichtig­sten Orte gegen das Vergessen und Ver­drän­gen der Schreck­en des NS-Regimes. Der Blick auf die Geschichte dieses Ortes macht klar, wohin Intol­er­anz, Ras­sis­mus, Frem­den­feindlichkeit und Anti­semitismus führen kön­nen. Men­schen das Wis­sen und die Werte zu ver­mit­teln, die sie befähi­gen, Demokratie und Frei­heit immer wieder von neuem zu vertei­di­gen und zu bewahren – darin sieht Andreas Nachama seine wichtig­ste Auf­gabe.

Statement

Es geht um Inklu­sion aller, die dauer­haft hier leben.“

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Aktionen mit Prof. Dr. Andreas Nachama

Zur Person

Schon seit 1987 leit­et Herr Nachama die Dauer­ausstel­lung „Topogra­phie des Ter­rors“ und seit 1994 ist er der Direk­tor der gle­ich­nami­gen Stiftung und des Doku­men­ta­tion­szen­trums. Er war schon Mit­glied im Zen­tral­rat der Juden in Deutsch­land und amtiert als ehre­namtlich­er Rab­bin­er in der Syn­a­gogenge­meinde Sukkat Schalom, Herbart­straße bei der Jüdis­chen Gemeinde zu Berlin. Er hat als Pub­lizist mehrere Büch­er geschrieben, die sich vor­wiegend um das The­ma „Jüdis­ches Leben“ drehen.

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INTERVIEW MIT Prof. Dr. Andreas Nachama

Keine Ghettos schaffen“

Lässt das Interesse an Vergangenheit und Geschichte mit mehr Abstand nach?

Man kann es genau umgekehrt sagen. Mit dem weit­eren zeitlichen Abstand zu den Erin­nerungs­dat­en – über 50 Jahre hin­aus – ist das Inter­esse der Besuch­er gestiegen und die Besuch­er wer­den ständig jünger. Das ist ein inter­es­santes Phänomen. Wir beobacht­en dies und sind sehr ange­tan davon, dass die Fra­gen nach der Ver­gan­gen­heit schär­fer wer­den. Sie wer­den akzen­tu­iert­er und so fra­gen heute die jun­gen Leute: „Wie war das möglich? Welche Struk­turen haben dazu geführt, dass Leute sich so ver­hal­ten haben? Wie war das Dritte Reich organ­isiert?“ Dazu sind die Antworten nicht immer leicht zu geben, aber wir wollen tat­säch­lich auch genau diese Fra­gen beant­worten.

Was kann man zum Umgang mit Diskriminierung aus der Geschichte lernen?

Ich glaube, dass ist auch etwas, was die Leute in unser­er Ausstel­lung ver­suchen zu erfahren. Was war diese „Volks­ge­mein­schaft“, die sich abgekapselt hat, die bes­timme Per­so­n­en – Sin­ti und Roma, Homo­sex­uelle, Juden, Slaven … – aus­ge­gren­zt hat, mal eben zu Unter­men­schen erk­lärte oder sich sel­ber zu Her­ren­men­schen? Und das spielt auch im Diskurs mit Besuch­ern aus anderen Kul­turkreisen eine Rolle. Es geht ja heute nicht nur um die Grup­pen, die damals aus­ge­gren­zt wur­den, son­dern es geht um Aus­gren­zung als Solche. Gibt es in dem Land, aus dem du selb­st oder deine Eltern, deine Großel­tern kom­men, Grup­pen, die nicht genau­so behan­delt wer­den, wie alle anderen auch? Wie ist es mit der Gle­ich­stel­lung von Frauen, oder von religiösen Minoritäten? Und dann sind wir schnell an einem Punkt, wo es inter­es­sant wird zu disku­tieren. In aller Regel wird dann schnell klar: Es geht um die Inklu­sion aller, die dauer­haft an einem Ort leben. Das sind inter­es­sante Fra­gen und ich glaube, das ist auch ein­er der Gründe, warum so viele Besucherin­nen und Besuch­er hier­herkom­men. Weil es nicht nur das his­torische Beispiel ist, son­dern weil man hier­an sehen kann, was mit ein­er Gesellschaft passiert, die bes­timmte Teile auss­chließt.

Wie kann man die „Willkommenskultur“ in Berlin stärken?

Die Willkom­men­skul­tur entste­ht ja nicht ein­fach dadurch, dass man sie proklamiert, son­dern jed­er Einzelne muss sehen, was er in seinem Umfeld tun kann. Das ist oft schwierig wegen sprach­lichen, kul­turellen und let­ztlich auch räum­liche Bar­ri­eren, die selb­st in ein­er Stadt eine große Rolle spie­len. Deshalb würde ich sagen: Keine Ghet­tos schaf­fen, son­dern ver­suchen diejeni­gen, die jet­zt hier­herkom­men, möglichst an vie­len Stellen und in klein­er Zahl in die Wohn­quartiere zu inte­gri­eren, damit eine Inte­gra­tion eben stat­tfind­en kann. Weil in dem Augen­blick, wo es auf einem rel­a­tiv über­schaubaren Kiez bezo­gen zu viele wer­den, hat man eine Grup­pen­bil­dung, die man ver­suchen sollte, zu ver­mei­den.

Aber es ist mit Best-Prac­tice-Mod­ellen immer so eine Sache: An der einen Stelle funk­tion­ieren sie, an ander­er Stelle funk­tion­ieren sie nicht – weil die Bedin­gun­gen andere sind oder weil die Men­schen andere sind. Die, die hier sind und die, die kom­men, zwis­chen denen entste­ht so eine Art Ping-Pong-Spiel: Man muss ver­suchen den Ball ins Spiel zu kriegen und ihn im Spiel zu hal­ten. Das ist nicht immer ein­fach.

 

Wir trafen Prof. Dr. Andreas Nachama in seinem Büro am Erin­nerung­sort „Topogra­phie des Ter­rors“.